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Welzheimer Zeitung vom 27. Mai: Wie Justinus Kerner wieder lebendig wurde

Welzheimer Zeitung vom 27.05.2010Das Stadtgebiet von Welzheim bietet die passende Kulisse für eine neue Schauspiel-Führung

Strahlender Sonnenschein erwartet die Besucher einer Stadtführung der besonderen Art: Justinus Kerner persönlich heißt die Besucher am Bahnhof in Welzheim willkommen. Stilgerecht gekleidet im schwarzen Anzug mit Melone, mit Koffer und Gehstock ausgestattet nimmt er eine Gästeschar in Empfang, die gerade mit der Dampflok angereist ist. Auch wenn so manch anderer Besucher sich erstaunt nach diesem merkwürdig ausschauenden Mann umdreht, so beginnt dieser wortgewandt mit einem Rätsel: „Wissed Sie wer i ben? Ich heile und ich dichte. Ich dichte und ich heile!“ Die Lösung ist in der Gruppe schnell gefunden bevor Justinus Kerner die Ausflügler in den nächsten 90 Minuten charmant in die Vergangenheit entführen wird. Natürlich ist es nicht der echte Kerner, der im frühen 19. Jahrhundert rund drei Jahre lang in der kleinen Oberamtsstadt Welzheim als Arzt wirkte. Vielmehr handelt es sich um einen Schauspieler, der im Auftrag von Heike Marx, Inhaberin der Kultur- und Veranstaltungsagentur Kultissima diese außergewöhnliche Stadtführung anbietet. Geschichtsvermittlung auf der Grundlage historischer Persönlichkeiten, Anekdoten und speziell geschriebenen Drehbüchern – dies alles präsentiert durch professionelle Schauspieler in Kostümen – das ist die Geschäftsidee der 38-Jährigen ehemaligen Geschäftsführerin des Tourismusvereins Remstal-Route.
Im Zusammenhang mit der Reaktivierung der Schwäbischen Waldbahn wurde neben Schorndorf, Schwäbisch Gmünd, Weinstadt-Strümpfelbach und Kernen-Stetten die fünfte „StadtVerFührung“ ins Leben gerufen: „Justinus Kerner – Champagnerluft und Sommerfrische in Welzheim“, so der verheißungsvolle Titel. Hauptdarsteller ist kein geringerer als Justinus Kerner, der berühmte schwäbische Arzt und Dichter aus der Zeit der Romantik. Und zurück in diese beschauliche Zeit entführt er die Gäste an diesem Sonntagnachmittag: Vom Bahnhof aus führt der gemächliche Spaziergang durch den Luftkurort mit seiner vielgepriesenen Champagnerluft und man erfährt am eigenen Leib, wie diese sich stimulierend auf das körperliche Befinden auswirkt. Weiter geht´s Richtung Feuersee, dessen wichtige Bedeutung bei der damaligen Brandbekämpfung erläutert wird. Vor der herrlichen Kulisse der St. Gallus-Kirche packt Kerner dann in guter alter Manier seine Maultrommel aus und stimmt das Württemberger Lied an, in das gleich einige der Besucher einstimmen. Am Heimatmuseum, der nächsten Station, weiß er so manches über die Glashütten und die Holzwirtschaft im Schwäbischen Wald zu erzählen – nicht ohne zwischendurch immer wieder einen passenden Vers aus seinen Dichtungen zu zitieren. Kurzweilig und unterhaltsam weiß er so manche Rezeptur und Linderung bei Wehwehchen – auch unter seinen Gästen – und gibt stolz die größte Entdeckung seiner Laufbahn als Arzt bekannt: Die später als Botulismus bezeichnete Krankheit, bei der Vergiftungen auftraten, hervorgerufen durch Bakterien in geräucherter Wurst. Immer wieder sinniert er auf gut Schwäbisch über das Land- und Stadtleben, der Sommerfrischler und „Luftschnapper“ anno dazumal und schwelgt in romantischen und bisweilen schwermütigen Gedichten.

War Kerner wirklich auch mal schlank?

Ob er nicht etwas mehr Leibesfülle gehabt habe, will eine Teilnehmerin unterdessen wissen und verweist auf bekannte alte Bilder von Justinus Kerner. Doch Schauspieler Markus Klemenz, alias Justinus Kerner ist gut vorbereitet und zitiert eine alte Reisepassbeschreibung vom Königlich Württembergischen Oberamt Ludwigsburg aus dem Jahre 1809. Dieser Beschreibung nach ist er im Alter von 22 Jahren, also nur vier Jahre vor seiner Anstellung als Unteramtsarzt in Welzheim: „6 Fuß groß, hat eine schlanke Figur, kleine Zähne, rundes Kinn und geradstehende Beine“. Gemeinsam einigt man sich schmunzelnd auf die wohl guten Kochkünste seiner Ehefrau Friederike, genannt Rickele, die ihn später zu mehr Fülle gebracht haben mögen.
Die nächste Station ist an der heutigen Oberen Untermühlstraße, die früherer Gänsgasse hieß. Dort erzählt Kerner vom Gänsehirten, den man voller Ironie den Schnellläufer nannte, und auch wie lange nach seiner Zeit der Erfinder Gottlieb Daimler aus Schorndorf dem Städtchen Welzheim mit seiner Motorkutsche einen denkwürdigen Besuch abstattete und die Motorisierung der Gesellschaft einläutete.
Nach Justinus Kerners geistreichen Worten, der frischen Luft und vielen Eindrücken von Welzheim bekommt am Ende des Rundgangs jeder Gast vor der passenden Kulisse des Heimatmuseums ein Viertele Wein eingeschenkt, selbstverständlich von der württembergischen Rebsorte, die seinen berühmten Namen trägt und unter den Teilnehmern für den Austausch so mancher Erinnerung aus  früheren Tagen sorgt. Ehepaar Kurz aus Waiblingen stimmt begeistert in den Schlussapplaus ein und will die verbleibende Zeit in der Stadt noch für einen Besuch im Straßencafé nutzen, um dann am frühen Abend rechtzeitig die Bahn zurück nach Schorndorf zu nehmen.
Die öffentlichen Führungen mit Justinus Kerner finden regelmäßig zu den Fahrten der Dampflok statt, Teilnahme per Voranmeldung bei Kultissima unter Telefon 07181-96 4 96-02.

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