Im Automobilsommer rollt ein Vierspänner durchs Remstal und in den Schwäbischen Wald
Remshalden – Groß feiert Baden-Württemberg die Erfindung des Autos vor 125 Jahren.
Doch wie war man vorher unterwegs? Richtig, mit der Kutsche. So startet in diesem Sommer mehrmals eine Nostalgiereise am Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart und entführt ins Remstal und den Schwäbischen Wald: zu leckeren Weinen und abenteuerlichen Begegnungen mit der Geschichte.
„Hü“, feuert Otto Müller seine vier Mädels an. Auf dem asphaltierten Feldweg durch die lauschige Gartenlandschaft zwischen Fellbach und Remshalden blockiert ein VW-Pritschenwagen. Ständig schlängeln sich Autos vorbei. Doch eine Postkutsche? Nix mit Handbremse und langsam Gas kommen lassen, Spiel mit der Kupplung. „Hü“, ruft nochmals Müller, und seine „Mädels“, wie er die Norikerdamen nennt, treten an. Die knallgelbe Postkutsche mit Platz für 14 Personen schnellt los; fast so, als wäre es ein Porsche. „Seit 15 Jahren mache ich das“, erzählt Müller, gekleidet in einer Originaltracht. „Meine Frau sagt immer, wie kann man nur? Aber mir gefällt es.“ Müller lässt die Kutsche der Württembergischen Post sausen. Denn es geht um eine dreitägige Reise zurück in die alten Zeiten, als 20 Kilometer schon eine Tagesstrecke waren. „Wir machen das gerade in dem Jahr, in dem die Erfindung des Autos gefeiert wird“, erzählt Heike Marx von der Agentur Kultissima aus Weinstadt-Großheppach, die diese Fahrten veranstaltet. „Spannend ist nicht nur die Fahrt mit der Postkutsche. Wir kleiden die Gäste auch ein – im Stil des Biedermeiers.“ Wie anstrengend das seinkann, zeigt Petra Haller. Mit ihren Kolleginnen und einem Kollegen mimt sie gerade für die SWR-TV-Sendung „Sonntagstour“ solche Mitreisenden. „In so einem Kostüm stecken 80 Stunden Arbeit. Mein Mann hört genau, an welcher Stelle ich gerade mit der Nähmaschine bin“, schmunzelt sie, die neben ihrem Hauptberuf bei einer Kranken-kasse in Villingen-Schwenningen eine Modelagentur mit historischen Kostümen, „Sissis Erben“, aufbaut. Das Sitzen mit dem Reifrock ginge, wenn auch nur für Stunden. „Ich träume jetzt schon von einem heißen Bad“, scherzt Petra Haller. In Strümpfelbach ist Rast. Im Weingut Kuhnle kredenzt der Chef seine Spitzenweine. Nicht nur österreichische Sorten wie Zweigelt und Sankt Laurent, sondern auch seinen Riesling. „Für den bekam ich gerade eine Auszeichnung“, sagt Werner Kuhnle stolz. 23 Hektar Anbaufläche animierten ihn immer wieder, mal was Neues auszuprobieren. Stuttgart-Grunbach, dann ein Abstecher über den Schurwald nach Schorndorf, und schließ-lich hinauf nach Welzheim und an den Ebnisee – so sehen die Etappen aus. Dazwischen gibt es immer wieder sonderbare Begegnungen: nicht nur mit dem Gretle von Strümpfelbach, dem Pfeffer von Stetten oder Justinus Kerner. Nein, auch Gottlieb Daimler und seine Ehefrau Emma Pauline erscheinen. Und erzählen von ihrer Erfindung, dem Auto, das es inzwischen so massenhaft gibt, vor allem im Abendverkehr, wenn sich Tausende zum Kapfenbergtunnel hoch stauen, nur weil einem Kleinwagen die rechte Vorderachse gebrochen ist. Da wünscht man sich in die Zeit zurück, als noch das Trappeln der Pferdehufe als Verkehrslärm empfunden wurde.
Von Franz-Norbert Piontek