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Christian Rapp - Erfolgreicher Rückkehrer von den Tabakfeldern Kanadas

Christian Rapp

Christian Rapp

Unterdrückung, Hunger und die aufkeimende Revolution hatte Christian Rapp hinter sich gelassen, als er 1790 nach Kanada auswanderte. Es gab genug Land, und frei war der Mensch dort sowieso. Er war 19 Jahre alt, hatte in Stuttgart das Handlungswesen gelernt und machte sich nun in dem Geschäft selbstständig, das schon sein Vater in Cannstatt betrieben hatte: Tabak. Von Columbus einst nach Europa mitgebracht, wuchs er zunächst in den Ziergärten der europäischen Höfe, wurde dann als Medizin verordnet (z.B. bei weiblicher Unfruchtbarkeit) und landete schließlich in den Tabakpfeifen. Tabak war ein teures Gut und wurde nur von den wohlhabenden Schichten in größeren Mengen konsumiert.
Als Christian Rapp 1790 im Hafen von Quebec am Sankt-Lorenz-Strom das Schiff verließ, betrat er einen Ort mit engen Gassen und kleinen Häusern, der schon über 160.000 Einwohner hatte. Es war kein Zufall, daß Christian Rapp nach Quebec ging. Dort entstand eine der „principal tobacco-producing regions in Canada“. (1) Sieben Jahre soll er dort eine Tabakfabrik geleitet oder besessen haben. Dann kehrte er 1797 zurück in seine alte Heimat. Dabei gehörte er keineswegs zu den erfolglosen Rückkehrern, die nun auch noch dem Hohn und Spott in der alten Heimat ausgesetzt waren. Nein, er hatte in Kanada viel gelernt und nun große Pläne. Und da kam ihm die gute Partie einer nicht unvermögenden Schorndorferin gerade recht. Sie entstammte der Wirtsdynastie Heß, die ihre „Löwen“, „Hirsche“ und „Ochsen“ in Fellbach, Schorndorf, Obertürkheim und Waiblingen betrieben. Johannes Heß, der Vater von Christiane war der Ochsenwirt in Schorndorf.
Und nun stand also der Schwiegersohn vor der Tür. Der aber kam eigentlich aus Cannstatt, war dann ausgewandert und nun ohne Bürgerrecht im Herzogtum Württemberg. Was für andere unerschwinglich und ein Grund zum Auswandern darstellte, machte Christian Rapp keine Probleme. Er bezahlte die erforderliche Summe und erhielt im November 1797 das Bürgerrecht in Schorndorf. Zu Beginn des folgenden Jahres ging an Herzog Friedrich II. die Bitte um Gewährung einer Konzession zur Gründung einer Tabakfabrik (2), die man zu dieser Zeit als Tabakmühle bezeichnete. Im Gebäude der heutigen Johann-Philipp-Palmstraße 7 an der Ecke zur Konstanzerhofgasse begann nun die Verarbeitung amerikanischer und pfälzischer Tabake, die er unter den Namen „Schwarzer Reiter“, „Kornähre“ und – als kleine Verbeugung vor dem Haus Württemberg – „Herzog Ulrich“ zum Rauchen und Schnupfen in den Handel kamen. Rapp konnte einen soliden Absatz verzeichnen. Zeitweise beschäftigte er fast zwanzig Personen, und seiner Fabrik wurde von offizieller Seite bestätigt, „bei stets aufgeräumten Vorräten den besten Fortgang“ (3) zu haben.
Die gesellschaftliche Anerkennung folgte seinen geschäftlichen Erfolgen. Er verkehrte in den Schorndorfer Honoratiorenkreisen, gehörte zu den ausschlaggebenden Männern der örtlichen Politik und war von 1819 bis 1821 Schorndorfer Stadtschultheiß. Über das Ehe- und Familienleben der Rapps aber legten sich immer wieder dunkle Schatten. Von den dreizehn Kindern der Rapps überlebten nur drei. Tochter Amalie heiratete Adolf Burk, der später als Inhaber der Tabakfabrik Rapp genannt wird. Ein Nachkomme erzählt, wie es damals dort zuging: „Im Erdgeschoß befindet sich ein Laden, über dessen Türbogen eine Tafel in Goldschrift zu wissen gibt, daß hier die Tabakfabrik ist und in dessen Innerem der Kommis [Handlungsgehilfe] … und das alte Ameile aus großen Steingutgefäßen Schnupftabak auswiegen. … Hinter dem Laden kommt eine geräumige Packstube, in welcher das Faktotum …Schnupf- und Rauchtabak sorglich in Fässer und Kisten verstaut, und dann gelangt man durch eine Glastüre zu dem Prokuristen … Das Büro des Chefs schließt sich an. Von dort betritt man einen hohen, weiten Raum, in dem etwa zwanzig Mädchen geräuschvoll mit Holzschlegeln Tabak in Tüten stampfen.“ (4)
Ein halbes Jahrhundert war vergangen, seit Rapp das Schorndorfer Bürgerrecht erhalten hatte. Am Vormittag des 17. Dezember 1853 ist er „nach nur dreitägigem Krankenlager im 83. Lebensjahr sanft verschieden.“ (5) Das Leben hatte es gut mit ihm gemeint. Rapp lebte „bis ins hohe Alter im Besitz voller Geisteskräfte“ und konnte seinen Nachkommen die Früchte seiner Auswandererjahre in Kanada hinterlassen.

1    Encyclopedia Canadian, 1973, S. 87
2    HSTAS: A 202, Bü 2448; A 213, Bü 3511
3    Oberamtsbericht Schorndorf, zit. nach: Typisch im Rems-Murr-Kreis, hg. von Walter Wannenwetsch, Heft 17, o.J. o. O., S. 54
4    Burk, Walter: Der Gfrörnig. Die Geschichte einer Kindheit, 1949, zit. nach Fischer, Erhard: Schorndorfer Köpfe. Auswärts geborene Persönlichkeiten in ihrer Beziehung zu der Stadt, Schorndorf 1999, S. 154
5    SchwChr, 21.12.1854

Geschichte der Stadt Schorndorf, hg. von der Stadt Schorndorf, Stuttgart 2002
Wandel, Uwe Jens: Schorndorfer Projekte III.Die Manufaktur im Schloß 1766-1769, In: Heimatblätter 9/1992. S. 34

LKA Württemberg

Quelle: Karin de la Roi-Frey
Von der Rems zum Golden Gate. Auswanderer aus dem Rems-Murr-Kreis.
Remshalden 2008
Verlag Bernhard Albert Greiner, ISBN 978-3-86705-029-6, 14,80 Euro

(Bildnachweis: Geschichte der Stadt Schorndorf, hg. von der Stadt Schorndorf, Stuttgart 2002, S. 321.)

Johanne Frank - Auf dem Sklavenmarkt in Peru verkauft

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Sie befürchten, bei den hohen Abgaben Bettler zu werden und wollten lieber in Amerika als Sklave arbeiten, als Bürger Württembergs zu bleiben. „Bedrückung“ durch Gutsherrschaften, Beamte und Ortsvorsteher, Hungersnot, „Übelbehagen und Mangel an Freiheit“, Schulden, Abenteuerlust und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft – es gab im 19. Jahrhundert viele Gründe, die Heimat zu verlassen. Und mancher schien zu ahnen, was auf ihn zukam. Er könne arbeiten, um sein Brot zu verdienen, äußerte ein Zimmermann, und es falle ihm nicht leicht, seine Heimat zu verlassen. Aber auch wenn sie ihn als Leibeigenen behandeln sollten, könne die Not nicht größer sein als in seiner alten Heimat. Die verlockenden Angebote von Auswandereragenten allerdings versprachen den Himmel auf Erden und eine Zukunft in den rosigsten Farben.
1851 glaubten der Zimmermann Jakob Frank und seine Frau Johanne aus Strümpfelbach den Versprechungen und wanderten zusammen mit ihren zwei Jahre bzw. wenige Monate alten Söhnen aus. Das System der weißen Sklaverei gehörte zwar  offiziell schon seit 1816/17 der Vergangenheit an, d.h. der Weg in die neue Heimat ging nur per Vorkasse über den Ozean. Die Realität aber sah anders aus. Wie so viele schwarze Schafe ihres Berufsstandes steckte auch der Auswandereragent des Ehepaares Frank die Vorauszahlung in die eigene Tasche. Und so blieb nicht viel anderes übrig, als einen „Contrakt“ zu unterschreiben, nach dem sie die nächsten fünf Jahre ihr Reisegeld abarbeiten sollten. Der Weg zurück war versperrt, hatten die Franks doch wie so viele andere Auswanderer die Bürgerrechtsverzichtsurkunde unterschrieben.

Mit dem Segelschiff ging es um Cap Horn nach Callao in Peru. Ungenügende Verpflegung, katastophale hygienische Verhältnisse, Stürme und Krankheiten, die sich in der drangvollen Enge ausbreiteten, machten den Menschen schwer zu schaffen. 24 Kinder starben während der fast fünfmonatigen Reise.
Schon bald merkten die Strümpfelbacher Auswanderer, daß nichts so war, wie die „Agentenspitzbuben“ es ihnen vorgegaukelt hatten. Manche hatten Glück im Unglück und fanden eine gute Arbeit, um die Reisekosten abzuarbeiten. Die anderen wurden auf dem Sklavenmarkt im Landesinneren verkauft. Johanne Frank berichtete nach Strümpfelbach: „Da sind wir ausgeben worden wie auf dem Viehmarkt das Vieh. Da sind die Herrschaften … gekommen und haben sich Leut rausgesucht aus diesem Menschenmarkt, da sind uns die Haare zu Berg gestanden und der, der uns verkauft hat … haben wir und ihr alle gekannt, daß er schon in Strümpfelbach war.“(1) Neun Familien lebten in unerträglichem Klima, Mücken plagten sie Tag und Nacht, es gab nur Reis und Schaffleisch, und Brot mußten sie sich bei Nacht selbst in der nächsten Stadt holen. Kein Arzt, keine Apotheke, kein Pfarrer – in ihrer Not bat Johanne Frank, das Lösegeld für sich und ihre Familie von Strümpfelbach zu schicken. Auch ihr Ehemann schrieb nach Hause, mußte er doch befürchten die schlimmste aller Arbeiten verrichten zu müssen: Vogeldreck (Guano) laden, „was wie die Hölle auf Erden ist“(2).
Das Loskaufen der Remstäler Sklaven aber war nicht mehr nötig, denn obwohl kein Konsul oder Gesandter sich um die Auswanderer in Peru kümmerte, gelang es wohl von Württemberg aus, die ehemaligen Landeskinder zu befreien. Fast fünfzehn Jahre blieb Johanne Frank in Südamerika. Das jüngste noch in Strümpfelbach geborene Kind war gestorben, drei Kinder kamen in Lima zur Welt. Jakob Frank starb fern seiner Heimat, und seine Frau kehrte 1865 mit ihren Kindern zurück nach Strümpfelbach. Sie blieb nur drei Jahre, dann siedelte sie nach Nordamerika über, wo sich ihre Spur verliert. Familie Frank gehörte nicht zu denen, die in ihrer neuen Heimat zu Ansehen und Geld kamen. Die Briefe von Jakob und Johanne Frank aber liegen als einzigartiges Dokument von Auswandererschicksalen bis heute im Staatsarchiv Ludwigsburg.

1    Heimat-Glocken. Menschen, Geschichte und Landschaft unserer Heimat, Beilage zur Waiblinger Kreiszeitung - Schorndorfer Zeitung, Nr. 28 vom November/Dezember 1960
2    ebd.
Weisharr, Sophie: 1265-1965 Strümpfelbach im Remstal, hg. von der Gemeinde Strümpfelbach, Leinfelden-Stuttgart und Biberach a.d.Riss 1966
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Quelle: Karin de la Roi-Frey
Von der Rems zum Golden Gate. Auswanderer aus dem Rems-Murr-Kreis.
Remshalden 2008
Verlag Bernhard Albert Greiner, ISBN 978-3-86705-029-6, 14,80 Euro
(Bildnachweis: Archiv der Autorin)