Dackel Hanno und der Fußball
Hier eine sehr hübsche Kindheits- und Jugenderinnerung des Autors Robert Kiesser in Schorndorf aus der wilhelminischen Zeit. Kiesser verbrachte diese Zeit in dem Schloss, das zur damaligen Zeit das Forstamt beherbergte und heute zum Finanzamt gehört. Er erinnert sich an ein Fußballspiel in Schorndorf gegen Gmünd, in dessen Verlauf auch ein Dackel ins Spielgeschehen eingriff:
“Wenn wir Buben auf dem breiten Bürgersteig vor dem Jagdschloss mit einem kleinen Ball kickten, suchten uns einige Reaktionäre unter den Erwachsenen das aus England importierte Handwerk zu legen. Sie lieferten auch keinen deutlichen Beweis von Humor, wenn der Gummiball sie ins Gesicht traf. Im Gegenteil: Sie drohten mit der Polizei oder mit dem Herrn Dekan oder mit dem Herrn Stadtschultheiss, dessen strengem Blick wir nach Möglichkeit auswichen.
Doch so rückständig war nur eine kleine Minderzahl. Im ganzen taten die paar tausend Schorndorfer sehr viel für die körperliche Ertüchtigung der Jugend, wenn auch vorwiegend der männlichen Jugend - schon durch den Bau einer für die damalige Zeit geradezu pompösen Turnhalle, die sich im Bedarfsfall sogar als Festhalle eignete. Und die Jugend nütze die ihr gebotene Chance. Bei dem großen Deutschen Turnfest in Leipzig im Jahr 1913 schnitt die Schorndorfer Riege hervorragend ab.
Hinzu kam, dass jenseits des Remswehrs ein topfebener Fußballplatz mit fast normalen Ausmaßen angelegt wurde. Die Fachausdrücke dieses großartigen Spiels waren noch englisch. Das Tor hieß Goal, der Mittelstürmer war der Center, der Verteidiger der Back, der Torwart der Keeper und statt “Aus” sagte man “Out”.
Die Stadt hatte vor dem ersten Weltkrieg eine rasche und technisch versierte Fußballmannschaft, die sich auch mit Stuttgarter Rasenspielern messen konnte. Besonders gut erinnere ich mich noch an den wuchtigen Stürmer Burkartsmeier, an den gewandten Fritz Gamer, der die Bälle so schön verteilte, und an den vortrefflichen Torwart Kieß, den später eine englische Mannschaft nach London holte. Der Krieg lichtete die Reihen der Fußballer erbarmungslos, und erst den Brüdern Sommer gelang es später, gleichwertig and die Vorkriegstradition anzuknüpfen.
Natürlich standen wir Buben oft am Rande des Fußballfeldes, und unser Vater, der von Turnen und Sport sehr viel hielt, war meistens dabei.
Auch der Metzger Lauppe mit seinem Dackel Hanno. (…). Manchmal lief Herr Lauppe neben dem Spielfeld auf und ab, um dem Brennpunkt des Geschehens möglichst nahe zu bleiben; und Hanno rannte mit. (…).
Genauso wie die Schorndorfer Spieler erwartete er, dass man anständig spielte. Absolute Fairness war nur dann schwierig, wenn die Gmünder Fußballer kamen.
Das hatte seinen geschichtlichen Grund. Gmünd war erst hundert Jahre zuvor württembergisch geworden und pflegte mit Recht seinen Stolz auf den ehemaligen Status einer Freien Reichsstadt. Schorndorf, wenn auch nur halb so groß wie die Nachbarstadt, lebte in dem Bewußtsein, das östliche Remstalbollwerk des ehemaligen Herzogtums gewesen zu sein. Leider spielte damals auch noch der konfessionelle Gegensatz eine Rolle. Denn das Herzogtum Württemberg hatte sich einst der Reformation angeschlossen, während die Freie Reichsstadt Gmünd katholisch geblieben war.
So gings denn auch bei den Wettspielen zwischen der Gmünder und der Schorndorfer Fußballmannschaft härter zu als sonst. Und da versuchte auch einmal der brave Metzger Lauppe, das Schicksal zu korrigieren.
Er stand gerade neben dem Schorndorfer Tor, als der Gmünder Mittelstürmer gewandt zwischen den Schorndorfer Verteidigern durchbrach und dem Schorndorfer Tor zustrebte. Das war zuviel. Das durfte nicht sein! Herr Lauppe deutete auf den heranbrausenden Gmünder und machte: “Hanno, ksch, ksch!” Da aber die Hunde (nur die Hunde?) die Fähigkeit haben, auf Befehl urplötzlich in Wut zu geraten, preschte der Hanno mit fliegenden Ohrwascheln los und fuhr dem bösen Feind mit lautem Gebell zwischen die Beine. Das gab viel Aufregung hin und her, bis der anfangs ratlose Schiedsrichter schließlich den Gmündern einen Freistoß zubilligte, den Torward Kieß mit gewandtem Hechtsprung meisterte.”
Quelle: “Im Jagdschloss an der Rems” von Robert Kiesser
(Eugen Salzer Verlag, Heilbronn 1973)

